Sonntag, 10. Mai 2015

Eine seltsam faszinierende Blüte - Schuppenwurz


Lathraea squamaria ssp. tatrica

Sie blühen jetzt wieder: Schuppenwurze (Lathraea)! Hier bei uns wachsen die Fichten-Schuppenwurze (Lathraea squamaria ssp. tatrica). Als Drachenwurz, Freisenwurz, Maiwurz, Schuppenstreubelwurz oder unterirdischer Meisterwurz wurden sie bezeichnet.

Das erste Mal als ich sie sah dachte ich, ich hätte eine Orchidee im Wald entdeckt. Die einzigartigen Blüten sind weiß, blassrosa und manchmal sogar etwas ins Lila gehend. Die Farbe Grün sucht man vergeblich, da die Pflanze kein Chlorophyll bildet. Das liegt an der Lebensweise der Schuppenwurzen. Da sie kein Chlorophyll bilden, wachsen ihnen auch keine Blätter. Nur eng anliegende Schuppen in rosa oder weiß sind vorhanden und so kam das Gewächs zu seinem Namen.

Schuppenwurze betreiben keine Photosynthese. Normalerweise wandeln Pflanzen durch den Einfluss von Sonnenlicht das aus der Luft aufgenommene Kohlendioxid und das aus der Erde aufgenommene Wasser in Zucker (Glukose) um. Dabei entsteht als "Abfallprodukt" Sauerstoff. Chlorophyll (Blattgrün) wird während des Prozesses in den Zellen abgelagert. Deshalb haben zu dunkel stehende Pflanzen oftmals fahlgelbe und kraftlose Blätter. Glukose schenkt der Pflanze Energie.

(Lathraea squamaria ssp. squamaria)


Glukose braucht auch die Schuppenwurz  zum Überleben, nur sie hat eine völlig andere Strategie entwickelt. Unter der Erde liegen bis zu 1,20 m tief Rhizome, die bis zu zwei Meter lang und mehrere Kilo schwer werden können. Wer diese Pflanze im Garten haben möchte, den muss ich leider enttäuschen. Dieser Wurzelstock ist fest verbunden mit der Wurzel eines Baumes. Das können Hasel-, Erlen,- Buchen-, Ulmen- oder auch Fichtenbäume sein. Schuppenwurze sind "Vollschmarotzer". Sie geben also im Gegenzug keine Nährsstoffe an den Wirt ab, sondern nutzen ihn nur zu ihren Gunsten. Feinste Wurzelhaare umspinnen die feinen Saugwurzeln der Wirtsgehölze. An jedem Berührungspunkt bilden sich kleine warzenförmige Knoten und wachsen fest an die fremden Wurzeln an. Daraufhin dringen die feinen Wurzeln in die Wasserleitbahnen und verbleiben dort. Die außerhalb liegenden Hauptwurzeln sind ca. 1 cm dick. Sie schädigen übrigens den Baum nicht! 

Heimlich und langsam wachsend breitet sie ihr Rhizom aus. Eine zweijährige Pflanze ist kaum mehr 3 cm groß! Es dauert bis zu zehn Jahre, bis die erste Blüte erscheint.  Diese kommt übrigens völlig unabhängig vom Lichteinfall zum Vorschein. Sobald die Säfte im Frühling in den Bäumen wieder zu fließen beginnen, ist die Zeit der Schuppenwurz gekommen. Fest verbunden mit den Wurzeln ihres Wirtes, spürt sie den dort steigenden Saftdruck und drängt ans Licht. In dieser Zeit schiebt sie ihre blätterlosen Blüten aus dem Boden. Diese sind anfangs gebogen und sehen mit ihren nach unten gerichteten Schuppen wie kleine Fichtenzapfen aus. So kann auch die Wurz einfacher durch den Boden dringen und die darunter versteckten Blüten bleiben geschützt.



Die Blütezeit ist also verbunden mit der Schneeschmelze und ein Zeichen, dass die Bäume ihr Wachstum nach dem Winter wieder aufgenommen haben. Normalerweise ist die Blütezeit zwischen März und April. 

Die Blüten werden gerne von Hummeln besucht und auch von Bienen. Doch ich habe bisher  - vielleicht bedingt durch den Standort und der noch vorhandenen Kälte - meist nur Hummeln beobachten können. Die Bestäubung erfolgt aber nicht nur durch Insekten, sondern ist auch durch Windbestäubung möglich. Vielleicht wurden deshalb so dicht aneinanderstehende Blüten als Überlebungsstrategie ausgebildet. Diese wenden ihre Rachenblüten dorthin, wo sie die meiste Sonneneinstrahlung verspüren. Die Rückenansicht, die im Schatten liegt, wächst schneller und so krümmt sich die Blüte bald nach vorne. Je dunkler der Standort liegt, umso größer wird die Blüte.



Die Samen sind ungefähr so groß wie Mohnsamen und werden gerne von Ameisen verschleppt.  Da sie so leicht sind, verbreiten sie sich auch durch Wind oder werden vom Regenwasser weggespült. Selbst die noch halb im Samen steckenden, keimenden Pflanzen haben schon an ihrer Wurzel Saugnäpfchen, um schmarotzen zu können! Diese schieben sie  nur nach außen, wenn ein Wirt vorhanden ist. Das Wachstum scheint demnach durch chemische Prozesse, durch Stoffausscheidungen (Wurzelgeruch) des Wirtes angeregt werden zu können.

Die Schuppen haben auch eine Besonderheit. Schneidet man sie durch, finden sich darin zehn hohle Kanäle. In jedem dieser Hohlräume befindet sich eine Drüse. In einer Schuppe sind eine Schilddrüse in der Mitte und neun Knöpfchendrüsen um diese Schilddrüse herum angeordnet erkennbar. Die Knöpfchendrüsen scheiden immer Wasser aus. Dies ist das zuckerhaltige Pflanzenwasser aus den Baumwurzeln. Deshalb ist die Blüte sehr fleischig und saftig. Die Schuppen sind also Nährstoffspeicher.



Die Pflanze, die zu den Sommerwurzgewächsen gehört, hat man früher zu Heilzwecken genutzt,. Sie wurde vergessen und findet langsam wieder Interesse in der Wissenschaft. Ein Grund ist der Inhaltsstoff Aucubin. Aucubin wirkt antibiotisch, dadurch entzündungshemmend und reizmildernd. Der Saft soll nicht so schnell schimmeln wie normale Pflanzensäfte. Trocknet man die Pflanze, geht das Aucubin verloren. Der Schuppenwurz wird dabei unappetitlich schwarz.  Sie sollte also im frischen Zustand verwendet werden. Auch eine kalte Extraktion bewahrt die Inhaltsstoffe. Andere Verfahren zerstören den heilkräftigen Inhaltsstoff. Aucubin schmeckt bitter und herb!

Äußerlich wurde die Wurz gegen Milchschorf und anderen schuppigen Hautkrankheiten verwendet. Deshalb auch der Name "Freisamkraut". Die "Freisen" war der Milchschorf. Sie sollte bei anderen Frauenkrankheiten und jeglichen Krämpfen (Convulsion) hilfreich sein. Leider finden sich keine genaueren Hinweise darüber. GERARD  schreibt, dass sie gegen Husten und sämtlichen Lungenkrankheiten wirkt. Die leicht nach Veilchen duftende Wurzel sollte die Zahnwurzel stärken, was mich aufmerksam hat werden lassen. Man kaute früher "Veilchenwurzel" bei Zahnbeschwerden, dabei war aber das Rhizom von Iris germanica gemeint. Also die Wurzel der Schwertlilie, die im getrockneten Zustand nach Veilchen riecht. Vielleicht ist es der gemeinsame Wirkstoff, der wirkt. Noch ein Inhaltsstoff wird mich etwas länger noch beschäftigen: "Phytokristallin". Dies fand RADLKOFER als eiweißartigen Inhaltsstoff in der Samenknospe. MATTHIOLUS merkte an, dass das Wasser der Pflanze zusammenziehend, kühlend, reinigend und Schlaf machend wirke. So soll es auf alle "Flüsse" des Körpers wirken und gegen die fallende Sucht (Epilepsie).



Hier einmal ein altes Rezept gegen Epilepsie von 1746. Ich gebe aus Sicherheitsgründen nicht die Mengenangaben an, doch die Wortwahl ist lesenswert:

Nimm Päonienwurz, so zu der Zeit gegraben worden, wann die Sonne im Widder und der Mond im Schützen stehet, Gemsenwurz, weißen Diptam, Schuppenwurz, Päönienrosen, Malvenblümlein, Schlüsselblümlein, Lavendelblüh, Arabische Stochasblumen, gelben Veil, Gras-Negelein, Rosmarinblumen, Lindenblüh, Päonienkörner, Eichen-Mispel, Muscat-Nüsse.
Über alles, so theils klein zerschnitten, theils zerstossen worden, giesse schwarzen Kirschen-Geist, daß er 4.Finger hoch darüber gehe, laß es 3 Tage im MB. in der Digestion stehen, hernach drücke es stark aus und seihe es durch. Der Spiritus wird hernach biß zur Helfte abgezogen, das übrige aber auf Theriac. Andromach, Mithridat.Damocrat., zerstossenen Bibergeil, flüchtig Agtstein-Salz gegossen.
Dieses läßt man abermal 3 Tage lang digeriren, hernach durch ein Fließpapier lauffenm dazu thut man Tinctur. lunx. Mische es.



Einige Merkwürdigkeiten, die übrigens noch nicht sicher geklärt sind:

Manche Botaniker sahen früher die Schuppenwurz unterirdische Blüten entwickeln und meinten, dass sich die Pflanze auch unterirdisch bestäuben kann. Wie, wurde allerdings nie herausgefunden. Sie ist kein Selbstbestäuber, weil ihre Staubgefäße sich erst öffnen, wenn die Narbe verwelkt ist. Die Staubblätter sind nachstäubend und Hummeln bringen den Pollen alter Blüten auf die Narbe der neu geöffneten Blüten aus. 

Andere Botaniker sahen zwischen den Schuppen versteckt kleine Insekten und dachten deshalb, die Pflanze sei ein Fleischfresser und bessert damit ihren Energiehaushalt auf. Als Vollschmarotzer braucht er kein tierisches Eiweiß. Vielleicht blieben die Tiere einfach "hängen".

Eine spannende Pflanze also. Wenn ihr sie seht, genießt den Anblick des kleinen Wunderwerkes!




Kommentare:

  1. Danke für deine sehr interessante Beschreibung des Schuppenwurz,
    hab eine schöne neue Woche
    Hermine

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  2. ...sehr sehr interessant....
    Vom Sehen kenn ich die auch.

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  3. Sehr, sehr spannend und interessant! =)

    Liebe Grüße,
    Sarah =)

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  4. Die kenn ich gar nicht. Daher danke für die Infos! :)

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  5. Liebe Claudia, das ist ja eine Überraschung ! Ich hab die Blume ( war noch nicht ganz entfaltet) vor ca. 4 Wochen für eine Orchidee gehalten und hab nicht weiter drüber nachgedacht, bissel komisch kams mir ja vor.
    Jetzt weiß ich, im Schloßpark von Kühnitsch gibts diese Pflanzenart, merci merci merci.
    Menno, hätt ich nie gewußt, hab auch nicht nachgeschlagen.
    Ich suchte Bärlauch. Aronstab entdeckte ich, aber den Lauch fand ich nicht. ;):) :)

    Dir eine wunderschöne Maienzeit
    herzlichst Brigitte

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  6. Hey! Kannst du mir vllt schreiben in welchem Buch du das alte Epilepsie-Rezept gefunden hast? Hab schon über google versucht die Quelle herauszufinden, aber bisher erfolglos.
    Ich wäre dir sehr dankbar!!
    Liebe Grüße

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  7. Hallo Julia,

    Das Buch heißt: "Pharmacopoeia universalis" von Johann/ Schröder.
    Schröders Buch wurde 1685 übersetzt und 1746 dann mit Ergänzungen veröffentlicht.
    Diese alten Rezepturen sind allerdings aufgrund ihrer Dosierungsverhältnisse mit viel Vorsicht zu genießen und sollen deshalb keine Anleitung für einen Selbstversuch sein!

    Liebe Grüße
    Carola

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    1. Ah super!! Danke dir!!! Und auch vielen Dank für die schnelle Antwort!!

      Keine Angst, ich brauche die Literaturstelle nur für eine Zusammenschrift einer wissenschaftliche Arbeit.

      Liebe Grüße :)

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  8. Carola, jetzt muss ich dich nochmal was fragen: Du weißt nicht zufällig auf welcher Seite du den Eintrag im Buch gefunden hast? Hab die Textstelle bis jetzt noch nicht finden können...

    Liebe Grüße

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  9. Kein Thema Julia,
    es ist im zweiten Buch, 52. Kapitel, Seite 341 das 34. Rezept. Schreibst du über Epilepsie? Die Fallsucht hat man früher mit sehr skurilen Methoden behandelt. Ich lese gern und viel in den alten Büchern nach und finde manche Rezepte wirklich erstaunlich. Heutzutage hat man ja die Möglichkeit, die enthaltenen Zutaten und deren Inhaltsstoffe zu analysieren und kann dadurch Rückschlüsse auf die jeweiligen Wirkweisen ziehen.

    Liebe Grüße
    Carola

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  10. Danke dir!! Meine Diplomarbeit handelt von der Lathraea squamaria - dem Schuppenwurz. Die Pflanze ist schon sehr merkwürdig und faszinierend. Ich wollte in die Arbeit eben auch mit reinschreiben, dass sie früher volksmedizinisch gegen Epilepsie verwendet wurde.
    Nochmals vielen vielen Dank für die Textstelle!
    Liebe Grüße :)

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